Neulich hatte ich wieder einen Kunden mit einer Wunschliste, die ich euch nicht vorenthalten möchte.

Wunschzettel: Erstellen einer Firmenhomepage mit 150 Seiten Umfang. Neue Produkte und Sonderaktion wollte die Firma selbst einpflegen können. Texte und Vorlagen gäbe es ja im Internet, wobei Logo und Design schon an die Firma erinnern sollten. Also kurz und knackig: CMS, Modifizierte Templates (WP oder Joomla), Corporate Design.

Der Kunde, nennen wir ihn Hein B., hat schon andere Angebote vorliegen und benennt sein Budget mit 675 €. Prompt werde ich das Gefühl nicht los, mich gleich auf ein Preisdumping mit einer bestimmten Agentur einzulassen, die selbst nicht unter 875 € solche Projekte erstellt.

Kosten-Webdesign

Kosten Webdesign

Kundenanfragen dieser Art haben sich in letzter Zeit gehäuft und ich weiß kaum, wie ich mich dieser Preisspirale entziehen kann. Webprojekte verursachen Kosten und Arbeitszeit –die ich natürlich vergütet haben möchte! Ich habe dann mal gesucht, was andere so für Erfahrungen gemacht haben. Und siehe da, Jürgen Liechtenecker hat einen populären Artikel geschrieben, aus dem ich dazu zitieren möchte:

Bei meiner Friseurin sitze ich ca. 20 Minuten, es kostet mich 30€, mein Automechaniker verlangt 80€ in der Stunde, ein Architekt kostet > 100€, für meine Steuerberaterin zahle ich 80€ pro Stunde etc. Den Zahnarzt erwähne ich lieber nicht. Es bewegt sich eigentlich alles im Schnitt zwischen 60€ und 80€.

Sein Beispiel eines Kunden bringt 134 Stunden Arbeitseinsatz mit sich. Mit einem Wunschbudget von 700 € würde das einem Stundenlohn von 5,22 € entsprechen. Das ist ein Extrembeispiel und vielleicht stecken ja nicht immer Dumpingabsichten sondern einfach unrealistische Vorstellungen seitens des Kunden dahinter. Was ich aber davon halte, bringt dieses Video hervorragend zum Ausdruck.

Hier werden typische Probleme derart auf den Punkt gebracht:

Zum letzten Punkt trifft ein Kommentar den Kern der Sache: Kann nicht zahlen, aber sie hatten ja keinen Materialaufwand und haben nur Arbeitszeit eingesetzt. Autsch!

Preise – Pauschalen und Stundenlohn

Ob Materialeinsatz oder „nur“ Arbeitszeit: Natürlich habe ich ein Auge auf die Preisgestaltung der Konkurrenz. Wenn für netto

werden, dann kann ich da gerade so mithalten. Wenn aber zusätzliche Änderungen am Template oder Individualisierungen am CMS vorgenommen werden müssen, deckelt das nach Kundenvorstellung schon der Pauschalpreis. Dabei fallen je nach Umfang der Änderungen etliche Stunden Mehrarbeit an – und die ist eine Zusatzleistung, welche durch eine Flatrate in meiner Kostenanalyse nicht abgedeckt ist. Wenn Hein B. das nicht versteht, sollte er sich das Video nochmal anschauen oder sein BWL-Buch aufschlagen. Sorry!

Der durchschnittliche Stundensatz eines Webdesigners liegt in Deutschland übrigens bei 65,00 € pro Stunde. Mein Preis pro Stunde liegt bei 45,00 €. Wie weit sollen denn private Webdesigner noch mit den Preisen runtergehen?

stundenlohn

Zudem gibt es etliche Nachteile für den Kunden beim Pauschalmodell, mit dem die Agenturen werben.

Letzteres bestätigt dann noch Leute wie Hein B. in ihrer Annahme, Webdesign bringe nichts außer Kosten.

Kosten für den Webdesigner sind Kosten für den Kunden

Für mich vergehen vom ersten Kontakt bis zur finalen Online-Version etliche Zwischenschritte wie ein Informationsgespräch (mit Anfahrt), ein individuelles Angebot, Entwürfe, Mockups und Dummy-HTMLs, Rücksprache, Einpflege von Änderungen, ggf. erneute Rücksprache, anschließend Einpflege der Daten und komplette Übertragung an den Eigentümer. Alles ist entweder zeit- oder kostenintensiv.

Dabei unterscheidet sich jeder wesentliche Kostenpunkt bei fast jedem Kunden:

Kostenpunkt Preis
Beratung und Analyse (*reine Kalkulation) Mit 100,00 € recht einheitlich
Das Registrieren der Domain Mit 20,00 € recht einheitlich
Erstellen von Texten, die Suche nach passenden Bildern Abhängig von Anzahl der Seiten
Wartung mind. 120,00 €, oder häufigere Überarbeitungen

Detaillierte Erläuterungen finden sich dazu bei Christian Strang.

Ich denke, Christian Herms spricht vielen individuell gestaltenden Webdesignern aus der Seele, wenn er auf Pagewizz sagt

Es muss jedem Menschen klar sein, dass Homepagedesign [..] Handarbeit ist und nicht von der Stange kommt. [..] Daher gestalte ich meine Preise so, wie die Homepages, die ich designe: Individuell!

Bei dem Punkt bin ich inzwischen auch angelangt. Insbesondere weil einige Leute mit ihrer statischen Standard-Homepage nicht immer ganz zufrieden sind, oder ständig nachträgliche Änderungen wünschen.

Ein Appell an die Vernunft: Eine Webseite ist eine Investition

Kann denn ein bloßes Aushängeschild wie beispielsweise eine Visitenkarte oder eine Firmen-Homepage eine Investition sein? Ja, wenn man sie nicht als bloßes Nice-to-Have sondern als Marketingkanal betrachtet.

Unter unternehmerischen Gesichtspunkten finde ich die Aussage von Dietmar Einenkel ebenso provokant wie treffend:

Ihre professionelle Firmen-Website ist kostenlos.

Der Kunstgriff in der Argumentation mit dem Kunden ist das Wörtchen: Amortisation.

Hein B. muss sich nur einmal überlegen, wie viele Kunden er braucht, damit sich seine Webseite amortisiert! Das mag leider je nach Branche und Marge unterschiedlich sein und lohnt sich damit für ein Schreibwarengeschäft weniger als für eine Dachdeckerfirma, aber unter dem Aspekt des Return of Investment (ROI), ist ein Kunde eher bereit, Geld sinnvoll auszugeben.

Fazit

Wer billig kauft, kauft zwei Mal, denn was nichts kostet, ist auch nichts wert.

Deshalb sind Preise individuell an das Produkt angepasst und das Budget sollte eine Maßgabe aber nicht starr sein.

Bleibt festzuhalten: Umso professioneller der Internetauftritt, desto überzeugender ist am Markt die Außenwirkung auf den Kunden.

Vielen Dank fürs Lesen. Vielleicht hat jemand ähnliche Erfahrungen gemacht und kann jetzt eher über diese Angelegenheit schmunzeln als an die Decke zu gehen.

10 Responses to “Einmal Webdesign für umsonst bitte”

  1. Großartiger Artikel mit großartigem Video. Ich musste schon stark schmunzeln, als ich es geschaut habe, aber trotz allem liegt da eine traurige Wahrheit hinter.

    Geiz ist eben geil … das ist leider die deutsche Gesellschaft. In anderen Ländern werben die selben Unternehmen mit ganz anderen Slogan und verdienen sich im Ausland die goldene Nase. Hier in Deutschland wird alles billig angepriesen und das richtige Geld kommt aus dem Ausland. Die sind wenigstens noch bereit für Qualität und Arbeit zu zahlen!

  2. Frank sagt:

    wenn ich die vorstellungen von so manchem an einen fotografen sehe, dann bin ich froh, dass ich nicht davon leben muss und einfach mal sagen kann “ dann eben nicht“ ist echt schade wie sehr die kreativen berufe unter druck sind :-(

    gruß frank

  3. Thomas sagt:

    Hallo Sabrina ;)

    Also, ich bin ja kein Webdesigner, aber im Bereich der Fotografie ist das noch viel krasser ! Ich fürchte nur das sämtliche Apelle an die Vernunft ohne Wirkung bleiben denn es ist ja nicht so, dass Auf- bzw. Erklärungsbedarf bestünde. In der heutigen Zeit ist es leider so, das Hirnleistung durch Dreistigkeit ersetzt wird und erstaunlicher Weise auch zum Ziel führt.

    Beste Grüsse, Thomas

  4. Matthias D. sagt:

    Ich kenne das problem in der Branche.

  5. Hi,

    nun mit Webdesign habe ich beruflich nicht so viel am Kopf, aber als Fotograf sieht das nicht anders aus.
    Mit 5,22€ Stundenlohn bist Du fast noch gut bedient….

    LG
    Thomas

    • Remus sagt:

      Ich hatte den Kreativberuf zunächst als solchen verstanden. Mittlerweile setze ich günstig Templates für Kunden auf. Wenn ich so überlege: Derart einfach können sich Fotografen nicht dem Preisdruck entziehen, das man auf Automatisierungen zurückgreift.

  6. T.S. sagt:

    Ich bin momentan leider auf der Arbeit so dass ich nicht viel hier schreiben kann, jedoch habe ich mir das durchgelesen und es ist interessant und vor allem es stimmt :)
    Genau aus dem Grund bin ich auch Angestellte und nicht Frei berufler…man kann ein Buch drüber schreiben :)

  7. Alex sagt:

    Das Problem kenn ich. Alle wollen Qualitätsarbeit aber bitte möglichst billig, am besten natürlich umsonst. Und es ist nun mal so, wer nur mit Erdnüssen bezahlt, kann auch nur Affen beschäftigen ;)

  8. Minna Lund sagt:

    Ja, das Problem kenn ich als Make-up Artist auch. Sehr passender Artikel! Leider, leider sehr wahr! Das Video bringt es wirklich auf den Punkt! Ich gehe ja auch nicht zu Chanel und sage „Ich hätte gern das Kleid, aber ich sehe nicht ein so viel dafür zu bezahlen…“

  9. Marko sagt:

    Klasse Vergleich: Was kostet ein Auto?

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